Diada de St. Jordi – Rosen, Bücher und Verliebte

Eine der für mich schönsten und originellsten Festlichkeiten in Katalonien ist der Diada de St. Jordi, der Georgstag, der jedes Jahr am 23. April von Jung und Alt gefeiert wird. Die Luft riecht nach Frühling, die Fassaden werden mit Rosen und der katalanischen Flagge geschmückt, Pärchen flanieren gut gelaunt und Händchen haltend durch die mit Büchertischen und Rosenständen gesäumten Strassen. Der Brauch will es, dass Paare (oder Geschwister, enge Freunde, Eltern und Kinder) ein Geschenk austauschen: eine rote Rose und ein Buch. Es ist ein Fest der Liebe und der Kultur, daher wird dieser Tag oft auch Dia de la Rosa (Tag der Rose) oder Dia del Llibre (Tag des Buches) genannt in Anlehnung an die zwei zentralen Elemente dieser Feierlichkeit. Aber wie kam es zu diesem traditionsübergreifenden Brauch? Hier dürfen wir, unter anderem, einem Heiligen die Schuld in die Schuhe schieben, und nein, der hiess nicht Valentin.

Für Liebe und Kultur: Bücher- und Rosenstand (Quelle).

Zum Leben des Georg ist wenig bekannt. Geboren wurde er im 3. Jahrhundert in Kappadokien in der heutigen Türkei. Er soll am 23. April um das Jahr 305 vermutlich in Nikomedien (heutige Türkei) oder Lydda (heutiges Palästina) unter der Herrschaft Kaiser Diokletians, als erneut Christenverfolgungen einsetzten, enthauptet worden sein. Im Mittelalter hat sich der Kult um den Märtyrer in alle katalonische Gebiete ausgebreitet – seit 1456 ist er dort der offizielle Schutzpatron. Mit der sprachlichen und kulturellen Renaissancebewegung in Katalonien gegen Ende des 19. Jahrhunderts hat sich dann der Georgstag als meistgefeierter patriotischer, gesellschaftlicher und kultureller Festtag etabliert. Um Sant Jordi (so heisst der heilige Georg in Katalonien) ranken sich viele Legenden. Gemäss katalanischer Überlieferung trieb in Montblanc, einer Stadt im Süden der Region, ein gefürchiger Drache sein Unwesen und versetzte das Land in Angst und Schrecken.

Sant Jordi (1871), Fassade des Palau de la Generalitat de Catalunya (Quelle).

Um ihn zu besänftigen, erbrachten die Einwohner regelmässig Menschenopfer. Eines Tages fiel das Los auf die Tochter des Königs. Da kam ihr der Ritter Georg zu Hilfe und erschlug den Drachen mit seinem Schwert. An der Stelle, wo das Drachenblut auf die Erde floss, wuchs ein roter Rosenstrauch.

Im 15. Jahrhundert hielt man im Palau de la Generalitat in Barcelona (dem katalanischen Regierungssitz) einen Rosenmarkt am Tag des St.Jordi ab, der gerne von Verliebten, Verlobten oder jung Vermählten besucht wurde. Die Herren überreichten den Damen ihres Herzens jeweils eine rote Rose. Aufgrund dieses alten Brauches, sagt man, werden auch noch heutzutage an diesem Tag Liebesbekundungen durch eine rote Rose ausgedrückt.

Was den kulturellen Aspekt dieses Feiertags betrifft lässt sich dieser auf die Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts zurückführen. Vicent Clavel i Andrés, Schriftsteller aus Valencia und damaliger Direktor des Cervantes-Verlags, schlug dem damaligen Gremium der Verleger und Buchhändler ein Fest vor, der den Bücherverkauf fördern sollte. Das ausgewählte Datum: der 7. Oktober 1927. Die Buchhändler gingen 1929 während der Weltausstellung in Barcelona erneut mit Ständen auf die Strassen und präsentierten so Bücherneuheiten. Diese zweite Initiative war so erfolgreich, dass man den 23. April, den Todestag der zwei grossen Schriftsteller Miguel de Cervantes und William Shakespeare, als Tag des Buches festlegte. Die Auswirkungen des katalanischen Tags des Buches waren so gross, dass die UNESCO 1995 den 23. April zum Welttag des Buches und des Urheberrechts (kurz Weltbuchtag) erklärte.

Und auch wenn man sein Herz noch nicht an jemanden vergeben hat, lohnt es sich allemal, durch die Strassen schlendernd die Nase in Bücher zu stecken und sich von dieser unvergleichlichen und einzigartigen Stimmung anstecken zu lassen. Eine Rose ist dir bestimmt gewiss, auch wenn sie nur vom Buchhändler kommt!

Doris Martin