Sie ist eine kleine, zierliche Frau mit einer 2,90 Meter grossen Persönlichkeit, und sie hat die Art Gesicht, die einem spontan sympathisch ist: lebhaft, freundlich und gewitzt. Obwohl sie wahrscheinlich erst Ende vierzig ist, stellt sich später heraus, dass sie wenigstens einfache Grossmutter ist – das fünfjährige Schlitzohr an ihrem Schürzen- bzw. Lengabändel ist der Sohn ihres Ältesten.

Der ist in Thailand, denn dort gibt es Arbeit. Das funktioniert unter anderem deswegen, weil sich Lao und Thai zueinander verhalten Holländisch und Deutsch – ausserdem sind die thailändischen Grenzkontrollen eher spassig, aber das ist eine andere Geschichte.

Wie dem auch sei, ich spreche weder das eine noch das andere, mal abgesehen von Sawadie / Sawadi ka und Kopchai lailai / Kop kun ka, und Englisch greift auch nicht – nicht in diesem namenlosen Weiler auf Don Daeng, einer der 4000 Mekong-Inseln im südlichen Laos. Dummerweise ist nicht nur der Weiler namenlos: Sie ist es auch. Jedenfalls für uns drei, die wir bei ihr im Haus übernachten. Unter Umgehung der üblichen Vorstellungszeremonien haben uns unsere Guides Sarou und Peng angewiesen: «Go with her!» Woran sich möglicherweise ein gewisser Aufholbedarf des südostasisatischen Feminismus ablesen lässt. Andererseits feiert das Matriarchat fröhliche Urstände: Ihre Mutter (im Nebenhaus) ist eindeutig diejenige, die im Dorf die kollektiven Hosen anhat.

Mit der selbstverständlichen Grazie einer Königin schreitet sie uns voran. Fliessende Gesten und eine präzise Demo – schön langsam, denn so ganz ohne Worte lässt sich der Bildungsstand von uns «Langnasen» ja schlecht beurteilen – verdeutlichen kurz darauf, dass unsere Jesuslatschen untertags gerne auf dem Treppenabsatz bleiben können, nachts jedoch an den Platz oben an der Treppe gestellt werden sollten. Mit gutem Grund: In dieser Nacht laufen mindestens vier schwere Gewitter, und es giesst so aberwitzig, dass der Treppenabsatz zeitweise unter Wasser steht.

Im grossen, offenen Wohn-/Schlafbereich finden sich drei gemachte Betten: Matratze auf dem Holzboden, Kopfkissen, Decke (die sich bei schlappen 30 °C Nachttemperatur als überflüssig erweist) sowie je ein Ventilator und ein noch gefaltetes Moskitonetz. Wir verstehen uns ohne Worte: Sie bedeutet uns, dass wir das mit den Moskitonetzen getrost ihr überlassen können. Dann «erklärt» sie, wo und wie man die Ventilatoren einschaltet und dass wir an der Steckdose daneben gerne unsere Handys laden können. Jawohl. Sie hat auch eins, wie wir am nächsten Morgen gegen sechs Uhr feststellen.

Da die grundsätzlichen Punkte nun offenbar abgehakt sind, kommt die Konversation erst einmal zum erliegen. Wir sitzen etwas verloren auf unseren jeweiligen Matratzen, sehen dabei zu, wie ihr Mann und das etwa achtjährige Mädchen, das ihr sehr ähnlich sieht (eine Enkelin? Eine Nachzüglerin?), gebannt einer laotischen Gameshow auf einem Uraltfernseher (mit Röhre) folgen. Und jetzt?

Aus der stillschweigenden Übereinkunft, dass es unhöflich wäre, uns untereinander in einer Sprache zu unterhalten, die unsere Gastgeberin nicht versteht, entsteht ein etwas betretenes Schweigen. Jenny, die Corporate-Communications-Spezialistin in unserer Gruppe bringt es dann schliesslich zum Platzen und spricht uns aus der Seele: «Ich würde so gerne mit ihr reden …». Aber da das illusorisch bleibt, beschliessen wir, jetzt erst mal Zähne zu putzen und aufs «Happy House» (die oh, so zutreffende kambodschanische Umschreibung für das unvermeidliche Hockklo) zu gehen.

Als wir sauber geputzt und mit gewaschenen Ohren zurückkommen, sind die Moskitonetze über unsere Matratzen gespannt. Unsere Gastgeberin grinst verschmitzt und winkt uns her: Dabei zeigt ihre Handfläche bei rascher Bewegung der Finger nach unten – eine Geste mit hohem Potenzial für Missverständnisse, denn für den Europäer bedeutet sie ja ein recht hoheitsvolles «Schleich dich!». In Asien das exakte Gegenteil.

Wir kommen also näher, und sie bugsiert uns vor den Fernseher (womit ihrem Mann der Ausgang der Gameshow leider vorenthalten bleibt), über dem sich eine kleine, säuberlich aufgereihte Fotogalerie befindet: der Sohn in Thailand, die Tochter vor einem der unzähligen Tempel in Vientiane, mehr Fotos von den als stolze Maturanden. Darüber drei Rahmen mit Zertifikaten, jeder Text abgefasst im grazilen Geschnörkel der laotischen Schrift, Blätter mit sieben Siegeln, verbrämt mit imposanten offiziellen Stempeln und Unterschriften. Es könnte sich um alles handeln, vom gewonnenen Preisausschreiben bis hin zur Betätigung der frühzeitigen Haftentlassung. Aber sie zeigt auf ihren Mann, der rote Ohren kriegt und verlegen wegguckt: berufliche Qualifikationen wohl, und die semi-öffentliche Lobhudelei ist ihm sichtlich peinlich.

Als es an der Zeit ist, zu Bett zu gehen, baut sie sich vor uns auf und knotet jedem unter sanftem, stetigem Gemurmel ein weisses Baumwollbändchen um unser rechtes Handgelenk: Das Gebet wird nachwirken, bis das Band sich auflöst. Es ist ein buddhistischer Segen, eine anrührende Art, Gute Nacht zu sagen:

Willkommen in meinem Haus.
Schlaf ruhig.
Komm wieder.

Ein bisschen Lao verstehe ich anscheinend doch. Kopchai lailai.

Sabine Bauer, Deutschteam