U(h)rige Erlebnisse auf der Tour de Suisse romande

Vom fernöstlichen Buchs SG ins fernwestliche Le Sentier-Orient: Wir legen nicht nur gerne die Extrameile am Schreibtisch zurück, sondern auch die wörtliche: die, bei der man im Zug sitzt und herrlich nachdenken kann. Da lernt man auch allerhand dazu. Zum Beispiel weiss ich dank eines Kundentermins vor ein paar Wochen jetzt, dass eine Ortschaft am Lac de Joux kurz und bündig Le Lieu («der Ort») heisst.

Vallee

Im schönen Vallée de Joux gibt es nicht nur viel Zeit, es gibt auch viele schöne Uhren.

Dies liegt aber wohl kaum an der Einfallslosigkeit dessen Bewohner, weil sich in Sachen Uhrmacherei im etwas abgelegenen Vallée de Joux an der schweizerisch-französischen Grenze gerade allerhand tut. Im Namen spiegeln sich wohl eher die Schlichtheit und Prägnanz wider, für die die Kunstwerke der nahe gelegenen Manufakturen bekannt sind. So hatte ich – den Internetproblemen sei Dank – beim Warten auf den Zug im Bahnhofbuffet nicht nur Zeit, über die Etymologie der Dorfnamen zu sinnieren, sondern auch vom Insiderwissen der Lokalpatrioten in Sachen Dorf- und Manufakturentwicklungen zu profitieren. Und ein wenig darüber nachzudenken, ob und wie sich Zeit eigentlich übersetzen lässt. Wehmütig habe ich meinem alten Heimatdialekt gelauscht und mir mal wieder gedacht, dass das waadtländische Französisch doch eigentlich der einladenste Dialekt der Romandie ist: Zahlenblinde sind nicht benachteiligt (keine Wortakrobatik wie «quatre-vingts», sondern ein aalglattes «huitante») und Deutschsprachige haben einen klaren Verständnisvorsprung (zum Beispiel bei «poutzer» oder «foehn»). Auch abgesehen vom einfachen sprachlichen Einstieg lohnt sich der Austausch für Deutschschweizer auch für Sozialstudien. So scheinen die Bewohner des westlichen Waadtlandes zwar geografisch und verkehrstechnisch etwas isoliert, im lokalen Supermarkt treffen sich dann aber am Gemüseregal die Bauern mit den Anzugträgern aus den Uhrenmanufakturen und debattieren das aktuelle Windenergieprojekt – ein schönes, modern-idyllisches Bild. So, jetzt aber genug geträumt – die Haute-Horlogerie-Kunden und ihre Übersetzungsprojekte warten.

Mehr Informationen zum Vallée de Joux: http://www.myvalleedejoux.ch.
Und spannende Einsichten ins Waadtländische: http://www.patoisvaudois.ch/.

Catia Brunnenmeister