Zweisprachigkeit – Die hohe Kunst, zwischen den Stühlen zu plaudern

Emigrants beware! Ausgedehnte Auslandsaufenthalte können ungeahnte Verdauungsprobleme auslösen – gastrischer wie neurologischer Natur. Im Folgenden wollen wir die synaptischen Fehlzündungen der Zweisprachigkeit etwas näher beleuchten.

Für den deutschen Muttersprachler, sofern er nicht beschliesst, sich etwa in gewissen Gegenden Chiles oder Argentiniens oder in Fredericksburg, TX, niederzulassen, macht die Auswanderung den Erwerb einer Fremdsprache bzw. den fortgesetzten Gebrauch derselben notwendig. Über die Vorteile der total immersion braucht man sich nicht zu streiten: Eine Sprache lernt sich am einfachsten, wenn man sie benutzen muss. Und nach ein paar Monaten stellt man meist mit Verblüffung fest, dass man in der Landessprache denkt und träumt, was – nach Ansicht vieler Experten – die ultimative Nagelprobe der Sprachkompetenz ist.

Wozu sich die Experten eher selten äussern, sind die Nebenwirkungen.

  1. Chronische Sprachverwirrung:
    Nach der Rückkehr in die alte Heimat beglückt man seine Mitmenschen wochenlang damit, dass man, without being aware of any of this, unvermittelt und mitten im Satz in the other language umschaltet und munter darin weiterplappert. Usually you only pick up on it, wenn sich, je nach Exotikgrad der Fremdsprache (von Klingonisch ist dringend abzuraten), höfliches Befremden, krasse Verständnislosigkeit oder tiefe Besorgnis auf den Gesichtern der Zuhörer ausbreitet. Fälle, in denen das Gegenüber mit einem ebenso klaren wie energischen «Häh?» reagiert, sind, wiewohl hilfreich, leider extrem selten.Eine weitere, ebenfalls unterhaltsame Variante stellt sich so dar, dass man, im Kreis englischsprachiger Freunde angehalten, für ein angejahrtes und stocktaubes Mitglied der Runde einen Teil der Konversation ins Deutsche zu dolmetschen, dem Ansuchen nachkommt – und betretende Stille auslöst. Bis schliesslich ein mitleidiger Mensch sagt: «Du hast das jetzt ganz deutlich und ganz langsam gebrüllt – auf Englisch.»

    Black future

    Aber Klingonisch wäre schlimmer …

  2. Akzentitis:
    Let’s face it, nobody likes to be identified as «ze Tcherman» at first «th». Die Mission, wie ein native speaker zu klingen, nimmt überragende Bedeutung an, dies unabhängig von den mehr oder minder unverrückbaren Gegebenheiten der Lautproduktion, die beim deutschen Muttersprachler ganz woanders stattfindet als etwa beim englischen. Im Extremfall kann dies zur Folge haben, dass man, ohne sich dessen bewusst zu sein, das lokale Idiom und dessen phonetische Besonderheiten aufsaugt wie ein Schwamm. Je nach Wohnort – etwa Qo’noS oder Birmingham, UK – ist Vorsicht empfohlen. Wenn einem die Akzentspezialistin der Bristol Old Vic Theatre School attestiert, man habe zwar einen kaum merkbaren deutschen Akzent, dafür aber die für «Brum» typischen splurgy vowels, ist dies kein Kompliment.
    Das Endstadium des Phänomens, der Kraut-Missouri-Brum-Bristolian-Westcoast-Canadian-Akzent ist unter Kennern auch als Around the World in a Sentence bekannt. Vorteil: Kein Mensch kommt mehr drauf, woher man eigentlich stammt, und man wird vom schwedischen Polarkreis über die walisischen Schafweiden bis hin zur namibischen Küste eigentlich überall angesiedelt.
  3. Drittsprachendysfunktion:
    Hat man sich schliesslich dran gewöhnt, zwei Sprachen quasi parallel zu fahren, und ist in der Lage, mühe- und nahtlos von einer Sprache in die andere und wieder zurück zu wechseln, ist es an der Zeit, sich dem Problem der dritten Sprache zu widmen. Kommt man unerwartet in die Verlegenheit eine weitere Fremdsprache, sagen wir: Französisch, aktiv benutzen zu müssen, kann es passieren, dass einen der Gesprächspartner, dessen schöne Sprache man zu verstümmeln meinte, mit mitleidigem Lächeln informiert: «Je suis désolé … je ne parle pas allemand.»Das Phänomen gibt Anlass zu der Vermutung, dass irgendwo in der menschlichen Grosshirnrinde ein Defaultschalter steckt, der das Sprachzentrum bei Überlastung auf die Standardeinstellung «Deutsch» zurücksetzt – ganz ähnlich also wie die Tastaturspracheinstellung bei Windows, die so geschickt verhindert, dass Passwörter von Unbefugten (oder Befugten) korrekt eingegeben werden.

Tragische Wahrheit ist, dass die totale linguistische Integration ein Traumgebilde bleibt: Egal, wie emsig man an Vokabular, Grammatik und Aussprache auch feilen mag, man wird sich immer wieder in einer gesellschaftlichen Situation befinden, wo der Gastgeber unvermittelt aufjauchzt: «You have to meet Aunt Edna! She speaks German!» Sprichts und bugsiert einen vor Tante Edna (oder Onkel Fritz), wo einen die versammelte Runde erwartungsvoll anstarrt, während vom Gastgeber die Aufforderung ergeht: «Say something in German!»

Servus, Tante Edna. Findest du das auch so peinlich?

Sabine Bauer