Ich stecke in einer Mühle

Ich hatte mir stets vorgestellt, dass man seine Muttersprache nie verlernen würde. Meine beste Freundin – als die ich sie noch immer ganz automatisch bezeichne – hat mich aber eines Besseren belehrt.

Wir waren kaum erwachsen, als Anita mir eines Tages mitteilte, sie werde mit ihrem Freund in dessen Heimatland Brasilien ziehen. Ich tröstete mich mit der Vorstellung, dass sie bestimmt bald

Miss Marple liest zwischen jedem einzelnen Buchstaben

Miss Marple liest zwischen jedem einzelnen Buchstaben

Heimweh bekommen und mit ihren Koffern wieder dastehen würde. Aber es vergingen Monate und schliesslich Jahre, und sie kam nicht wieder. Anita hatte sich in der Ferne ein neues Leben aufgebaut; es gefiel ihr, und innert kürzester Zeit sprach sie fliessend die Landessprache. Nach und nach nahm sie auch ein wenig die Mentalität ihrer neuen Heimat an, und mit einiger Verblüffung stellte ich eines Tages fest, dass nun sogar ihr Englisch einen brasilianischen Akzent angenommen hatte.

Dass sie nun in E-Mails gelegentlich fragte «Das sagt man doch so?» oder «Wie heisst das bei euch?» braucht einen eigentlich nicht zu wundern: Schliesslich sprach sie nun tagein, tagaus brasilianisches Portugiesisch und brauchte die deutsche Sprache ausser beim Schreiben oder bei ihren gelegentlichen Besuchen in der Schweiz kaum mehr.

Besonders lustig ist es, wenn sie – nach nun bereits über zwanzig Jahren in Brasilien – Redewendungen in ihren E-Mails gebraucht. Dies führt auf beiden Seiten immer zu viel Spass. In ihrer Erinnerung haben diese im Laufe der Zeit nämlich kleine, aber wesentliche Veränderungen erfahren. Wenn sie mir beispielsweise schreibt «der Braten sei noch nicht heiss», kann ich mir darunter zwar durchaus etwas vorstellen: Irgendetwas ist noch nicht so weit, noch nicht ganz spruchreif.

In Brasilien zwicken die Mühlen nicht

In Brasilien zwicken die Mühlen nicht

Wenn ihre brasilianische Freundin immer «zwischen den Buchstaben» liest, dann sehe ich diese vor meinem inneren Auge als eine Art Miss Marple mit einer riesigen Lupe in der Hand. Teilt sie mir dann aber mit, sie «stecke in einer Mühle», dann stelle ich mir die Situation ziemlich gefährlich vor und muss mir ernsthaft überlegen, mit dem nächsten Flugzeug nach Brasilien zu fliegen und sie zu retten.

Claudia Vamvas-Badertscher