Homeoffice im Wilden Westen

Hier bei Diction sind wir ja wahre Homeoffice-Meister. Nicht nur in Pandemiezeiten. Aber die meisten Dictionianer leben in der sogenannten «Zivilisation». Wer hingegen in den entlegeneren Strichen Britisch Kolumbiens im Homeoffice arbeitet, ist bemitleidenswert. Nein, wirklich. Da ist zunächst einmal der Umstand, dass der Hund morgens noch weniger aufstehen will als man selber – 5.25 Uhr ist aber auch gemein früh. Der Grund für diesen recht unchristlichen Wecker ebenso wie für die Existenz von Diction International Communication Services Ltd. in Vancouver ist die Zeitverschiebung.

Das mit der Nachtschicht hat Hand und Fuss und Sinn, aber wir hatten bereits ganz am Anfang vor knapp sechs Jahren festgestellt, dass ein kanadischer Arbeitsbeginn um 8 Uhr – also zur selben Lokalzeit wie in der Schweiz –nicht wirklich genügend Überlappung für Teamsitzungen, Weiterbildungen und den Dialog zu Aufträgen lässt. Daher also das Frühaufsteher-Special mit Arbeitsbeginn um 6 Uhr. Davor heisst es aufstehen, Zähneputzen, anziehen, Kaffeewasser aufsetzen, Hund locken, Pillen nehmen, Hund locken, Hundefutter zubereiten, Hund locken, Hund zum Fressen überreden, Kaffee kochen, Hund Gassi führen und mit Hund und Kaffee ins Büro pendeln. Die Pendelstrecke ist ein Killer – das ist mir klar, seit ich eines Mittags mit einer Schüssel koreanischer Nudelsuppe auf dem Tablett die Treppe runtergepurzelt bin. Unten angekommen, hatte ich die Schüssel auf und die Suppe an den Wänden.

Ein weiteres Standortproblem ist der Blick aus dem Bürofenster. Unter derartigen Bedingungen kann kein Mensch arbeiten. Nein, wirklich. Wie soll man sich bei sowas bitte sehr auf Mikrotypografie konzentrieren? Und wenns ganz dumm geht, latschen einem dann noch die Hirschkuh und ihr Kitz durch den Garten. 

Als Erstes ist natürlich der Computer einzuschalten, aber der wichtigste Schritt zum Arbeitsstart ist die Etablierung der VPN-Verbindung – eines passwortgeschützten, privaten und sicheren «Tunnels», der den Homeoffice-Computer mit dem Diction-Server verbindet. Auf den morgendlichen Log-in folgen zwei fixe Programmpunkte: Prüfung des E-Mail-Postfachs und Prüfung des Mitarbeiterkontos im Auftragsbearbeitungssystem TMS. Früher wurden die Aufträge, die man im Lauf des Tages zu bearbeiten hatte, per E-Mail zugewiesen. Seit knapp zwei Jahren geht das per TMS, was das ganze Verfahren erheblich vereinfacht.

Die Bearbeitung der Aufträge unterscheidet sich in nichts von der Auftragsbearbeitung in der Schweiz – dank der VPN haben Mitarbeitende im Homeoffice sämtliche Tools und Hilfsmittel, die im Büro in Buchs zur Verfügung stehen. Hinzu kommen eine Ausgabe des Heuer, unserer Grammatikbibel, ein Laserdrucker und, ganz wichtig im Interesse von Datenschutz und Vertraulichkeit, ein Aktenvernichter, durch den am Ende des Arbeitstags jedes Stück Papier gelassen wird, das im Lauf des Tages bedruckt wurde. Und bedruckt wird einiges, weil wir grundsätzlich bei jedem Text mindestens eine Papierlesung durchführen, aus dem einfachen Grund, dass die Übertragung auf Papier das Schriftbild ändert – wodurch man Fehler oder Unstimmigkeiten entdecken kann, die einem ansonsten vielleicht nicht aufgefallen wären.

Das Office im Busch (statt in Buchs) kann allerdings gewisse Unterhaltungselemente aufweisen, die anderen Standorten oder eben dem Büro in Buchs abgehen. Inzwischen hat die Highspeed-Kabelverbindung ja glücklicherweise Einzug gehalten, aber Handy-Empfang gibts zum Beispiel nur, wenn man sich ein Alumützchen bastelt und, auf einem Bein auf dem Balkon stehend, das Handy in der linken Hand schwenkt. Man kann auch 300 Meter die Strasse runter an die Bushaltestelle gehen. Das ist einfacher, aber nicht so interessant.

Der Handy-Empfang ist deswegen kritisch, weil in Kanada Telefon-, Kabel- und Stromleitungen samt und sonders überirdisch verlaufen. Kabelgräben Hunderte von Kilometern weit in Granit zu sprengen, übersteigt die jeweiligen Budgets der Provinz- und Distriktsregierungen – daher die Überlandleitungen. Deren Masten bei Sturm oder starken Regenfällen (winters je drei pro Woche in diesen Breiten) gerne einmal umfallen. Wenn das passiert, sitzt man meistens ohne Strom da. Die Reparatur kann, je nach Windstärke, bis zu fünf Tage dauern. Noch kurzweiliger wird es, wenn die Logging-Truck-Fahrer ihre Ladehöhe unterschätzen und beim Versuch, von der Logging-Road auf die Landstrasse abzubiegen, sämtliche Leitungen mitreissen. Der Spass kostet jedes Mal eine coole Viertelmillion Dollar, und die Reparaturen dauern nicht unter drei Tage.

Zudem passiert sowas meist ohne Vorwarnung. Man befindet sich mitten in einem komplizierten, dringenden Lektorat oder einer dito Übersetzung (gern unter Zuhilfenahme einer exotischen Software), und plötzlich ist der Saft weg. Computer, Internet, Telefon, alles. Die Wahl, die man dann hat, ist, entweder das Alumützchen aufzusetzen und sich mit dem Handy auf den Balkon zu begeben, um den zuständigen Projektkoordinator von dem Problem in Kenntnis zu setzen, oder in die Garage zu rennen und den Generator anzuwerfen. Den Superspezialgenerator, der dreimal so viel kostet wie das Feld-, Wald- und Wiesenmodell, dafür aber eine saubere Sinuswelle ausspuckt, die den Vorteil hat, die Elektronik nicht zu frittieren. Immer vorausgesetzt, dass die Zündkerzen nicht verdreckt sind und der Vergaser nicht versumpft ist.

Und so nimmt die Arbeit gelegentlich ein bisschen westliches Pionierflair an, was ja durchaus zu den innovativen Tendenzen von Diction passt. Und ehrlich gesagt, mit oder ohne Stromausfall, der unchristliche Wecker hat durchaus seine Vorteile: Um 15 Uhr ist Feierabend. Und Zeit hierfür:

 

 

 

 

 

 

Sabine Bauer, Deutschteam (in der Nachtschicht)