Was ist Heimat?

Diese Frage ist nicht so einfach zu beantworten, besonders wenn man wie ich in einem Land aufgewachsen ist, in dem man nicht geboren ist, und in einem wieder ganz anderen Land lebt. Ja, ich bin in Polen geboren und war gerade ein Jahr alt, als meine Mama und ich nach Frankreich kamen – in die Heimat meines Papas, einem Franzose polnischer Abstammung.

maluch

Meine Nostalgie für das Polen von gestern: Der Fiat Polski 126P, auch «maluch» genannt, prägte lange das Strassenbild Polens.

Seine Grosseltern väterlicherseits waren aus Polen geflohen und hatten sich nach einer langen Reise in Frankreich niedergelassen. Ferté, das war der Mädchenname meiner Grossmutter väterlicherseits. Hätten Männer damals den Namen ihrer Frau annehmen dürfen, hätte mir das in der Schule sicher einige Hänseleien erspart.

Aber daraus ergibt sich nun für mich das Thema: Was ist Heimat? Ich habe mir die Frage gestellt, als ich meinen diesjährigen Urlaub in Polen plante. Ich betrachte mich eigentlich als Französin, weil ich in Frankreich aufgewachsen bin, aber meine polnischen Wurzeln sind definitiv ein Teil von mir. Und dieser Urlaub, der mir die Gelegenheit gab, Zeit in Warschau und Danzig zu verbringen, hat etwas bestätigt, das tief in mir ist: Polen ist meine Heimat. Frankreich ist auch meine Heimat, aber ich assoziiere einfach andere Emotionen mit Polen. Es ist eine Bindung der besonderen Art. Polen ist kein Ausland für mich. Polen bedeutet für mich Gastfreundschaft, Polen bedeutet für mich Höflichkeit, Polen bedeutet für mich die vielen traditionellen Tante-Emma-Läden. Zugegeben, Polen hat sich in den letzten Jahren und besonders im letzten Jahr sehr verändert, aber diese Entwicklung hat keinen Einfluss auf die emotionale Bindung, die ich zu diesem Land habe.

Złota 44

Verbinde ich mit dem Polen von heute: Złota 44, die teuerste Adresse Warschaus.

Jedes Land hat seine Besonderheiten. Nehmen wir Polen als Beispiel: In Polen wird man in kleinen Läden von der Verkäuferin begrüsst und grüsst auch zurück. Selbst wenn man nichts kauft, bedankt man sich und verabschiedet sich. Das würde in Frankreich nicht passieren. Dort würde man sich eher bedrängt fühlen, wenn die Verkäuferin grüssen und fragen würde, ob sie weiterhelfen kann. Bin ich in Polen, muss ich also einen kleinen Schalter in meinem Kopf umlegen, um mich wieder an die etwas anderen Umgangsformen zu gewöhnen.

Warum schreibe ich aber auf Deutsch, wenn ich Französin bin? Weil es das Konzept «Heimat» als solches in Frankreich nicht gibt. Das ist zumindest mein Empfinden. In Frankreich spricht man eher von «nation». Zudem schreibe ich auf Deutsch, weil es die Sprache des Landes ist, in dem ich lebe. Als ich in der Schweiz gewohnt habe, hatte ich Heimweh nach Deutschland, weil ich mich dort immer sehr wohl gefühlt. Vor Kurzem habe ich die Jahre zusammengezählt, die ich bis jetzt in Deutschland verbracht habe, und kam auf 20 Jahre! Deutschland ist aber nicht meine Heimat, sondern mein Seelenort. Dieser Ort gibt mir Kraft. Und die Schweiz ist nun der Ort, an dem ich meine Arbeitskollegen regelmässig treffe, eine Art schöner «Stützpunkt».

Heimat, Nation, Seelenort, Stützpunkt – was für ein Chaos? Nein, ich bin eigentlich ganz zufrieden mit meiner Mischwelt. Und Emotionen lassen sich vielleicht einfach nicht so glatt sortieren wie die Sprachen, die zu den Orten gehören.

Natacha Szkudlarek