Hinter(n)gründe zu katalanischen Weihnachtsbräuchen

Seit Monaten liefert Katalonien nun politischen Gesprächsstoff. Die Neuwahlen vom 21. Dezember 2017 werden zeigen, ob sich die angespannte Lage in Katalonien und Spanien beruhigt oder ob die Unruhen zusammen mit den guten Neujahrswünschen ins neue Jahr rutschen. Passend zur Jahreszeit habe ich mir in Erinnerung gerufen, wie ich ein paar Weihnachtsbräuche in Katalonien erlebt habe.

Die eigentliche Weihnachtsbescherung findet in Katalonien (und in ganz Spanien) erst im neuen Jahr, am 6. Januar statt. Und Santa Claus hat dabei gar nichts zu melden. An diesem Tag bringen nämlich die drei Könige (els Reis de l’Orient oder kurz els Reis) die Geschenke für die braven Kinder. Oder die Holzkohle für die Kinder, die nicht ganz so brav waren. Schon am Vorabend des 5. Januars leitet die Ankunft der drei Könige die Festlichkeiten ein. Klein und Gross zugleich fiebern auf den festlich geschmückten Strassen der Cavalcada entgegen. Bei diesem Umzug reiten die Könige, Pagen und Begleiter auf Pferden oder Wagen durch die Strassen und werfen Bonbons oder Süssigkeiten, oft in Form von schwarzer Kohle, in die Menschenmenge. Am nächsten Morgen werden dann endlich die Geschenke ausgepackt – und da es ein nationaler Feiertag ist, haben die Kinder genügend Zeit, sich dem neuen Spielzeug zu widmen.

Geschmückter Wagen

Geschmückter Wagen mit König und Pagen.

Aber wenn es in Katalonien keinen Santa Claus gibt, wer zwängt sich dann an Nadal (Weihnachten) durch den engen Kamin? Die Antwort ist ganz einfach: niemand, denn dann wird der Tió geschlagen! Keine Angst, das klingt gewalttätiger, als es wirklich ist. Der Tió, auch Caga Tió genannt, ist ein Holzstamm, der üblicherweise mit zwei Beinen, einem lächelnden Gesicht und einer roten barretina (Kappe) ausstaffiert wird. Den hinteren Teil deckt man liebevoll mit einem roten Tuch oder einer Decke zu, damit sich der Holzklotz nicht erkältet. Der Tió wird bereits am 8. Dezember zu Hause aufgestellt und jeden Abend von den Kindern «gefüttert». Sie stellen ihm vor dem Zubettgehen schnell noch einen Teller mit Obst, Brot und Nüssen hin. So wird er jeden Tag gehegt und gepflegt und für Heiligabend «gemästet». An Heiligabend werden dann traditionsreiche Lieder gesungen, um den Holzstamm in Stimmung zu bringen. Zum Ruf Caga Tió schlagen die Kinder mit einem Holzstock auf den Tió ein, damit dieser Süssigkeiten und kleine Geschenke kackt (jawoll), die Mama und Papa auf wundersame Weise unter dem Tuch versteckt haben. Caga Tió heisst nämlich nichts anderes als «kackender Holzklotz». Die Katalanen gehen mit dem Wort «kacken» ganz natürlich um, und skatologische Weihnachtsbräuche sind komischerweise in Katalonien nicht ganz untypisch. Es gibt verschiedene Lieder, die zu diesem Brauch gesungen werden. Hier ein Beispiel:

Baumstamm als Caga Tió verkleidet.

Caga tió, d’avellanes i de pinyó. Pixa vi blanc de les festes de Nadal. Ara vénen festes, festes glorioses. Menjarem conill i llebres si en tenim. Caga tió, caga tió, si no vols cagar, et donaré un cop de bastó.

Übersetzung:
Scheiss Tió, die Haselnüsse und Pinienkerne. Piss Weisswein zum Weihnachtsfest. Jetzt kommt das Fest, das glorreiche Fest. Wir werden, wenn wir haben, Kaninchen und Hasen essen.
Scheiss Tió, scheiss Tió, wenn du nicht scheissen willst, dann werde ich dich mit einem Stock schlagen.

In diesem Zusammenhang darf natürlich der caganer (Scheisser) nicht fehlen, der in keiner katalanischen Krippenlandschaft fehlen darf. Die pessebre (Krippe) ist die katalanische Weihnachtsbaumtradition. Bei der Weihnachtskrippe wird die Geburt Jesus oder eine andere Szene aus dem Leben Jesus mit Figuren dargestellt. Dabei wird der caganer, die Figur eines Hirten, der seine Notdurft verrichtet, irgendwo in der Krippenlandschaft platziert. Und da die Katalanen ein humorvolles kleines Volk sind, werden gerne Politiker oder bekannte Personen aus dem öffentlichen Leben als caganers karikiert.

traditioneller caganer

Traditioneller caganer vs. bekannte Persönlichkeiten.

Tja, andere Länder, andere Sitten, auch wenn sie manchmal sonderbar anmuten. Den Kindern macht es auf jeden Fall irre Spass, und sie freuen sich den ganzen Dezember auf diese komischen Weihnachtstraditionen. «Ho, ho, ho», sagt dazu der Weihnachtsmann, und verschwindet mit seinem dicken Bauch im russigen Kamin.

Doris Martin