«Hi, how are you?»

«Fine.», «How are you?», «Good, how are you?», «Grande Cappuccino with Soymilk.» Vancouvers Freundlichkeit ist überwältigend – gar überfordernd manchmal. Denn wie auch immer ich die nette Frage an der Kasse beantworte, das Gegenüber scheint jedes Mal perplexer zu sein als ich selbst. Nur ein Lächeln reicht nicht, ebenfalls ist die Frage keineswegs wie das britische «How do you do?» einfach mit einem «How do you do?» zu beantworten. Spielt man die Frage dennoch zurück, muss man damit rechnen, dass das Gegenüber auf seine Magendarmprobleme zu sprechen kommt … Aus dieser Erfahrung habe ich wohl am meisten gelernt.

Im Restaurant wird man dann auch nicht einfach stumm an den Tisch geführt, sondern gefragt wie der Tag war, was man gemacht hat – und es wird einem sogar zugehört! Und wenn man nett fragt, kriegt man sogar noch Tipps, was man bei Regen in Vancouver alles machen kann. Und das dauert. Denn für das Regenwetter braucht man unzählige Tipps, ist es doch spätestens ab Oktober Dauergast.

Obwohl ich diese Fragerei eigentlich recht sympathisch finde, möchte ich mir nicht vorstellen, in der Migros mit einem «Grüezi, wie gohts Ihne?» begrüsst zu werden und mir überlegen zu müssen, was ich denn nun sagen muss, bevor ich meine Cumuluspunkte haben darf.

Doch zurück nach Kanada: Es gibt viele Berichte und Geschichten, die von der Freundlichkeit der West-Kanadier schwärmen. Vor allem auch vom grosszügig verwendeten «Sorry» wurde mir vorgängig viel berichtet. Dieses habe ich jedoch nicht so viel gehört, wie erwartet. Ist es doch nur ein Klischee?

Denn Vancouver hat auch ein anderes Gesicht: das der SUV. Da hört die Freundlichkeit auf. Da wird vergessen «Sorry» zu sagen. In Kanada darf in der
Regel auch bei Rot rechts abgebogen werden – eigentlich nur, wenn es sicher ist, rechts abzubiegen – aber so ein SUV-Fahrer sieht je nach Grösse seines Gefährts nicht mehr, ob es nun sicher ist oder ob Anna noch auf der Strasse steht. Der, der mich nur knapp verfehlte, packte dann sein mühsam für solche Anlässe zusammengetragenes Schimpfvokabular aus, vergas dabei aber das Detail, dass ich mich seit mindestens einer SUV-Breite auf dem Zebrastreifen befand und immer noch sehr Grün hatte. Auch meine Schweizerdeutsche Schimpftirade trug nicht zu seinem Verständnis bei. Die Anteilnahme der anderen Passanten war dann auch mehr als rührend: «Das war knapp!»

Aber zu ihrer Verteidigung: Wenn wirklich etwas passiert, helfen die Vancouverites gerne. Sie mögen zwar gleichgültig aneinander vorbeigehen, stolpert jedoch jemand über den Bordstein, ist die Reaktionszeit unter einer Sekunde, und alles im näheren Umkreis hilft. Kurz versichern, dass sich der Stolperer nicht verletzt hat und seinen Weg unbeschadet fortsetzen kann – und schon wieder das indifferente Gesicht aufgesetzt.

Was ich von meinem dreimonatigen Arbeitsaufenthalt in Vancouver nun mitgenommen habe? Ahornsirup und viele schöne Fotos. Und natürlich die Erkenntnis, dass auch Klischees eben nur Klischees sind und es am Ende einer jeden Reise immer darauf ankommt, ob man auf der Strasse nun mehr anständigen oder mehr unanständigen Menschen begegnet ist.

Anna Stöckli