Indien für Anfänger

Haben Sie eine Bucket-List? Sie wissen schon, so eine Aufstellung aller Dinge, die man vor seinem (mindestens 40 bis 65 Jahre entfernten) Ableben noch anstellen wollte. Meine enthält unter anderem

  • Fallschirmspringen
  • Angkor Wat
  • Myanmar
  • Pilotenschein
  • Motorradfuehrerschein
  • Verzehr der gesamten Nougatjahresproduktion von Chalon-sur-Saône
  • Indien

Angkor Wat (sehr cool!) hatten wir vor zwei Jahren, den Motorradführerschein vor neun, für den Pilotenschein langt der Urlaub nicht, Myanmar scheidet aus, bis die Regierung aufhört, ihre Landsleute umzubringen, und meine Hüften sind eh zu breit, weswegen vom Nougatverzehr Abstand genommen werden sollte. Blieben Fallschirmspringen und Indien. Ich hatte mal einen fallschirmspringenden Boyfriend, der ein Aas war. Also Indien.

Indien.

Mein Grundwissen bewegte sich zwischen M. M. Kaye, E. M. Foster, Gandhi, Um Mitternacht die Freiheit (von Larry Collins und Dominic Lapierre und eines der definitiven Bücher zur indischen Unabhängigkeit) und dem herrlich realitätsbefreiten Tiger von Eschnapur. Immerhin, eine Kollegin versichert mir, dass ich Indien entweder lieben oder hassen werde. Dazwischen gebe es nichts.

Korrekt. In Bezug auf Indien gibt es kein lauwarmes «nett». Indien ist ein Spagat zwischen erster und dritter Welt, unfassbar reich und bettelarm, laut, staubig, strahlend farbig, strahlend lebendig – und blödsinnig heiss, wenn man Anfang Juni, kurz vor Beginn der Monsunzeit, hinfährt. Zudem ist es etwas unhandlich, so als Reiseland: Allein der indische Bundesstaat Rajasthan ist mit schlappen 342 239 km2 Fläche und knapp 70 Millionen Einwohnern ungefähr neunmal so gross wie die Schweiz. Das heisst, ich muss da noch ein paarmal hin. Aber dies nur nebenbei.

Selbst für halbwegs asienerfahrene Reisende wird die Ankunft in Delhi zum Systemschock. Nach 19 Flugstunden (ab Vancouver) stolpert man um kurz nach 8 Uhr morgens aus dem sorgsam gefilterten und gekühlten Flieger- und Flughafenklima hinein in 39 °C und dicke Luft: Die Feinstaubbelastung in Delhi ist 45 % höher als in Beijing, und der Himmel ist braun. Weiter kein Wunder, denn der Verkehr hat Danteesque Qualitäten: Menschen, Autos, Mopeds, Kühe in apokalyptischen Mengen und ebensolcher Geräuschentwicklung. Der Schluss, indische Kraftfahrzeuge liessen sich nur durch ununterbrochene Betätigung der Hupe bewegen, drängt sich unwillkürlich auf. (Tatsächlich geht es darum, den anderen Verkehrsteilnehmer wissen zu lassen, dass man halt auch da ist.)

Aber in dem Mass, in dem man sich von Delhi aus Richtung Nordwesten begibt und das Himmelbraun einem Hitzeweiss weicht, lassen in einer eigenartigen historischen Umkehrung auch

Gewusel und Geräusch nach. Vor Hunderten von Jahren fanden sich im Norden Rajasthans einige der reichsten Handelsplätze entlang der Seiden- und Gewürzstrassen. Die Orte selbst existieren heute noch, wenn auch längst nicht mehr so reich, und blicken mehr oder minder still – mehr im Falle von Mandawa, minder in Bikaner – auf eine geschäftige Vergangenheit zurück. Geblieben sind längst trockene alte Karawanenbrunnen und die bröckelnde Glorie der Kaufmannshäuser mit ihren opulent gestalteten Fassaden: leuchtende, detailverliebte Fresken in Mandawa, in Bikaner roter Sandstein, behauen mit derselben akribischen Kreativität.

Kontraste und das restlose Zunichtemachen überkommener Vorstellungen bleiben das Thema. Von den undenkbar prachtvollen Palästen in Jodhpur, Jaipur und Udaipur (wo unser Guide, der arme Kerl, mit einem Nierenstein im Krankenhaus landet) zu winzigen Dörfern in einem karstigen Hochtal hinter den Arawali-Bergen, vom Heiligtum der Karni Mata (Rajasthans Antwort auf Lourdes) und seinen 20 000 Ratten zu den 1400 exquisit reliefierten Marmor- und Alabastersäulen des Jain-Tempels von Ranakpur.

Der aberwitzige Stufenbrunnen von Abhaneri, bei dem zweifellos eine frühe Inkarnation von M. C. Escher für die Bauleitung verantwortlich war, scheint der absolute Höhepunkt zu sein – danach nur noch Agra und das Taj Mahal, und das hat man ja nun wirklich tausend Mal gesehen, mit und ohne schmachtende Princess of Wales im Vordergrund.

Der Weckruf erfolgt um 4 Uhr morgens. Wir würden dann schon sehen, heisst es. Wir sehen relativ schnell. Als wir um kurz vor 5 Uhr am Haupteingang des Taj Mahal ankommen, sind wir durchaus nicht die ersten, die vor der Tür stehen. Es ist stockdunkel, nur durch die Fenster der Cafés und Andenkenläden – alle schon geöffnet – fällt Licht auf die Strasse vor dem Eingang.

Um 5.30 Uhr gehen dann endlich die Türen auf. Der Himmel ist dabei, sich von Indigo zu Graublau zu lichten, als wir den Garten durchqueren und schliesslich in einen Vorbau gelangen – ein Foyer für das Schauspiel Taj Mahal. An einer Handvoll Menschen vorbei sieht man es zum ersten Mal, und einmal mehr werden sämtliche vorgefassten Meinungen (nebst der entsprechenden Blasiertheit) vollkommen über den Haufen geworfen.

Im Morgengrauen, eingerahmt vom Spitzgewölbe des Torbogens, der sich auf die Brunnen hin öffnet, hat es etwas Unwirkliches – als ob es verschwände, wenn man im unrechten Augenblick zwinkert. Es ist wie hingehaucht, ein bisschen verwischt, in diesem seltsamen graublauen Dunst am Fluss zerfasernd, und irgendwie scheint das Gebäude seine Fundamente nicht recht berühren zu wollen.

Der Eindruck des Unwirklichen, Ätherischen verstärkt sich, wenn man sich nähert, denn offenbar hat auch die hohe Kunst der Architektur ihr Trompe l’Œil. Wie weit man auch darauf zugehen mag, man scheint ihm nicht näher zu kommen – was die weniger verblüffende Feststellung ist als die, dass das ganze riesengrosse Ding, samt Kuppeln und Minaretten, vor einem weg ans andere Flussufer gleitet.

Natürlich sind dem Grenzen gesetzt. Irgendwann kommt man ihm doch näher, und zu dem Zeitpunkt beginnt die Sonne dann ganz allmählich, über den Horizont zu krabbeln. Das Taj Mahal färbt sich blassestrosa im Morgenlicht – ein lebendiger, warmer Farbton, der Geschichten erzählt. Und einmal mehr die grosse Lektion der Reise: Expect the unexpected.

Ich habe letzthin meine Bucket-List revidiert:

  • Fallschirmspringen
  • Angkor Wat
  • Myanmar
  • Pilotenschein
  • Motorradfuehrerschein
  • Verzehr der gesamten Nougatjahresproduktion von Chalon-sur-Saône
  • Indien
  • Indien
  • Indien
  • Indien

 

Sabine Bauer